„A world without disease“ – Ben Wiegand im Interview

09.04.2019 Interviews
11 Minuten Lesezeit

Wir haben uns auf der eyeforpharma Konferenz mit Ben Wiegand, The Janssen Pharmaceutical Companies of Johnson & Johnson, getroffen. Er erzählt uns, wie der „World Without Disease“ Accelerator zur Krankheitsprävention beträgt und wieso die Talent-Akquise so wichtig ist.

[english version below]

Herr Wiegand, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Könnten Sie uns eine kurze Einführung in Ihre Arbeit innerhalb des „World Without Disease“ Accelerator geben?

Lassen Sie mich mit einem persönlichen Beispiel beginnen. Vor zwei Jahren bekam ich früh am Morgen einen Anruf von der Intensivstation. Mein Vater hatte gerade einen Herzinfarkt erlitten. Ich bin dankbar, dass er bis zu meiner Ankunft dort gut versorgt war uns es ihm bereits viel besser ging. Die erste Frage, die er mir dann stellte, war: „Ben, was hätte ich tun können, um das zu verhindern?“.

Und das ist es wirklich, was wir hier versuchen zu tun. Wie können wir eine Krankheit verstehen und herausfinden, wie wir sie initial bereits verhindern können. Mit Hilfe moderner Technologien versuchen wir nachzuvollziehen, wie eine Krankheit fortschreitet und wo man vorzeitig eingreifen kann.

Man kann also sagen, dass das Verhalten von Menschen – bevor sie überhaupt zu einem Patienten werden – sehr wichtig ist. Brent Saunders (CEO, Allergan) hat dieses Thema auch in seiner Keynote bei eyeforpharma angesprochen, und ich zitiere ihn hier: „…vielleicht können wir Lungenkrebs zu einer chronischen Krankheit machen, aber wir haben es noch nicht geschafft, Leute vom Rauchen abzuhalten.“

Verhalten ist wirklich wichtig. In unserem Team haben wir sowohl Verhaltensforscher, die versuchen zu verstehen, wie man Verhaltensänderungen erwirkt, als auch Neurobiologen, die verstehen, wie das Gehirn Dinge erfasst.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Leute bekommen oft zu hören, dass sie mehr Sport betreiben sollen. Wir wissen, dass es im Verhalten von Menschen mehrere Phänotypen gibt. Ich bin beispielsweise das, was – mangels eines besseren Wortes – der „free agent“ genannt wird. Wenn jemand auf mich zu kommt und mich bittet, mit einer Gruppe anderer Läufer zu laufen, würde ich das nie tun. Ich habe kein Interesse daran. Ich laufe zu meiner eigenen Zeit in meinem eigenen Tempo. Das ist nicht gut oder schlecht, das ist einfach meine Persönlichkeit. Meine Frau hingegen würde nie allein laufen gehen. Aber wenn sie eine Gruppe von Leuten in der Nachbarschaft hat, die alle zusammenkommen, ist sie jeden Tag mit dabei. Es wäre also nicht erfolgreich, uns beiden die gleiche Botschaft zu vermitteln. Wir müssen verstehen, wie Menschen Informationen verhaltensorientiert verarbeiten und ihnen dann das richtige Unterstützungssystem geben. Jedem die gleiche Botschaft zu vermitteln ist sinnlos. Wir verabreichen auch nicht jedem Patienten das gleiche Medikament.

Welche Rolle spielen Therapeutika und ganzheitliche Medizin, wenn es um die Verbesserung der Krankheitsprävention geht?

Ich sehe das gerne ein wenig wie ein Auto. In einem Auto sind zahlreiche Sensoren eingebaut und was passiert? Sie fahren im Auto und ein Licht geht an und vermittelt, dass Sie zu wenig Luft in Ihrem Reifen haben. Sie fahren dann zur nächsten Tankstelle und pumpen den Reifen etwas auf. Es ist ein einfacher und schneller Eingriff. Wenn das nicht passiert und es zu einem platten Reifen kommt, ist der Aufwand um einiges höher. Oder Sie haben einen Unfall mit schlimmen Folgen. Genau so sollte das Ziel sein, Menschen in Zukunft gesund zu halten, bevor sie ernsthafte Krankheiten entwickeln.

Sie haben vielleicht gesehen, dass wir gerade einen Deal mit Apple ausgehandelt haben. Dabei nutzen wir die Apple Watch, um Informationen zu sammeln, die uns bei der Prävention von Krankheiten helfen. Sie sollen uns ermöglichen zu erkennen, wann ein Mensch beginnt, eine Krankheit zu entwickeln. Das Projekt ist noch ganz am Anfang und es gibt noch viel zu lernen. Aber wir haben das Gefühl, dass wir uns hier auf dem richtigen Weg befinden.

Lassen Sie uns ein wenig über das Geschäftsmodell hinter dem „World Without Disease“ Accelerator sprechen. Die meisten Geschäftsmodelle in der Pharmaindustrie basieren im Moment darauf, Krankheiten zu heilen und nicht, sie zu verhindern. Wie kann diese Transformation heute gelingen?

Wenn Sie früher ein bestimmtes Lied kaufen wollten, dann gingen Sie in einen Plattenladen und kauften ein Album, auf dem vermutlich noch acht bis zehn Lieder oben waren, die Sie nicht wollten, richtig? Dieses Geschäftsmodell hat sich mit Spotify und Co. völlig verändert. Wir glauben, dass es ähnliche Veränderungen auch bei den Geschäftsmodellen in der Gesundheitsbranche geben wird. Wo eine Gesundheitsleistung gekauft wird, die für Sie persönlich funktioniert und den bestmöglichen Benefit bietet.

Sie haben Apple bereits erwähnt und die Zusammenarbeit, die Sie im Rahmen der Apple Watch betreiben. Welche anderen Arten von Technologien werden für die Zukunft wichtig sein und welche Art von Zusammenarbeit suchen Sie außerhalb der Branche?

In meiner Tasche trage ich mein Fitbit. Fitbits sind toll, oder? Aber warum sind sie es? Egal ob Fitbit oder Apple Watch, es sind passive Maßnahmen. Es erfordert nicht, dass ich etwas tue, außer sicherzustellen, dass es in meiner Tasche oder auf meinem Arm ist. Das ist viel passiver, als jemanden zu bitten, Informationen in eine App einzutragen. Könnten Sie sich vorstellen, dass Sensoren in Ihrem Bett, während Sie schlafen, Atmung, Herzfrequenz und eine Reihe anderer Informationen sammeln? Diese Art von Dingen, die passiv funktionieren, werden in Zukunft verstärkt relevant werden. Parallel müssen diese Messungen immer mit einem Biomarker validiert werden. Ich denke, dass diese passiveren Messungen in Kombination mit einem Biomarker zur Validierung der richtige Weg sind.

Es gibt zwei weitere Bereiche, die für uns in Zukunft von besonderem Interesse sind. Einer davon ist die Analyse der Stimme. Wenn es beispielsweise um die Erkennung von Depressionen, Stress, Angst oder Alzheimer geht, spielen Veränderungen in der Stimme eine große Rolle. Der zweite Bereich bezieht sich auf semantische Analysen. Wenn Sie zehn E-Mails pro Tag schreiben und dann auf einmal damit aufhören, könnte das ein Anzeichen von Depression oder etwas anderem sein. Dabei ist die Hürde viel niedriger, als wenn zum Beispiel eine Blutabnahme durchgeführt wird.

Ihr Slogan ist „A world without disease“ – eine mutige Ansage. Was steht hier dahinter?

Wie bei vielen Dingen im Leben hängt das Ziel davon ab, wo Sie die Messlatte setzen. Es gibt zum Beispiel etwa 300 Millionen Raucher auf der Welt. Wenn das Ziel heute darin besteht, 295 Millionen zu erreichen, wäre die Antwort, dass wir einfach das tun, was wir heute tun, aber besser. Wenn Sie sagen, unser Ziel ist „keine Raucher mehr“, müssen Sie komplett anders an das Thema herangehen. Und das ist unser Ziel. Das Paradigma vollständig zu ändern. Aber das wird Zeit brauchen. Diese Dinge ändern sich nicht einfach über Nacht.

Wenn wir uns etwa Typ-1-Diabetes ansehen, dann wird die Lösung, an der wir heute arbeiten, wahrscheinlich die Krankheit nicht heilen. Aber wir können bereits einen Schritt in die richtige Richtung machen, wenn wir das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.

Und ein Punkt, der auch entscheidend ist und den wir meiner Meinung nach nicht ausreichend hervorheben: Um in diesem Bereich wirklich erfolgreich zu sein, muss die Talent-Akquise im Vordergrund stehen. Man braucht die besten Leute im Team, um langfristig zu gewinnen. Und wenn du keine überzeugende Vision hast, werden die Young Professionals von heute nicht auf dich aufmerksam. Sie wollen an visionären Ideen arbeiten.

Wir haben über Typ-1-Diabetes gesprochen. Auf welche anderen Krankheitsbereiche konzentrieren Sie sich derzeit?

Die drei Bereiche, auf die wir unsere „word without disease“-Arbeit derzeit konzentrieren, sind Typ-1-Diabetes, Lungenkrebs und Darmkrebs. Wir haben diese ausgewählt, weil wir glauben, dass wir hier in der Forschung bereits so weit sind, um eingreifen und Lösungen anbieten zu können. Ich denke, wenn wir uns auf eine geringe Anzahl von Krankheiten konzentrieren, die wir gut verstehen, haben wir eine größere Chance, dort einen echten Unterschied zu machen. Im Vergleich zu einer Strategie, die wirklich breit angelegt sein könnte, um viele Krankheiten zu heilen, wo dann auch die vorhandenen Ressourcen aufgeteilt werden müssen.

Außerdem wollen wir Veränderung auf Ebene der gesamten Gesundheitsversorgung bewirken. Das können wir allerdings nur tun, wenn wir mit anderen Partnern zusammenarbeiten. Diese Fähigkeit der Kooperation wird in Zukunft entscheidend sein.


Über Ben Wiegand

Als Leiter des Disease Interception Accelerator (DIA) arbeitet Dr. Ben Wiegand mit seinem Team an der Erforschung von Ursachen ausgewählter Krankheiten. Dies soll dazu beitragen, früher als der heute klinisch akzeptierte Diagnosepunkt eingreifen zu können, um das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen, umzukehren oder zu hemmen. Nach mehr als 20 Jahren bei Johnson & Johnson (J&J) ist Dr. Wiegand erfahren bei der Identifizierung und Erprobung neuer Geschäfts- und Finanzierungsmodelle. Außerdem war er General Manager und Vice President, Science and Innovation, J&J Wellness & Prevention, Inc.



“A world without disease” – Interview with Ben Wiegand

Dr. Wiegand, thanks for taking the time for this interview. Could you give us a brief introduction about the work you are doing within the “World Without Disease” Accelerator?

Let me start on a personal example. Two years ago, I got a phone call early in the morning from the intensive care unit. My father had just suffered a heart attack. I am thankful that by the time I got there he was already taken care of and doing much better. But the first question he asked me was: “Ben, what could I have done to prevent this?”.

And that is really what we are trying to do here. How can we prevent a disease by understanding and getting ahead of it? With modern technologies – where we can interrogate the health system much more than we could have before – we try to understand, who is progressing the disease and how to intervene ahead of time.

So, one can say that people’s behavior – before they became a patient – is very important. Brent Saunders (CEO, Allergan) also addressed this topic in his keynote at eyeforpharma and I am quoting him here: “…maybe we can make lung cancer a chronic disease, but we can’t figure out how to make people stop smoking.”

Behavior is really important. On our team we have both behavioral scientists, who try to understand how to change behaviors, but also neurobiologists, to understand how the mind comprehends things. I will give you an example. People could say you need to exercise more. But there are multiple phenotypes on how people behave. So, I am what they call – for the lack of a better word – the free agent. If you go and ask me to go running with a group of other runners, I would never do it. I have no interest in doing that. I run in my own time at my own speed. That is neither good nor bad, that is just how I am. My wife on the other hand would never run by herself. But when she has a group of like-minded people in the neighborhood all running together, she is there every day. So, telling us both the same message would not be successful. We need to understand behaviorally how individuals process information and then give them the right support system. To treat everyone the same behaviorally won’t make sense, like we don’t give the same drugs to everybody.

What role does the inclusion of therapeutics and holistic medicine play in this approach to increase disease prevention?

We would say when someone is healthy, let’s keep them healthy. I like to look at this a little bit like a car. A car has all these sensors in it. You drive around and one day a light goes on signalling you need some air in your tire. You then go and put some air in that tire. It’s a simple intervention. If you don’t and it gets flat, you’ll need a more serious intervention, to not risk an accident with serious consequences. This is exactly how the goal should be to keep people healthy in the future before they develop serious diseases.

You may have seen we just signed a deal with Apple. We’ll use the apple watch to gain information that helps us predict when people are progressing towards a disease. This is very early and there are still a lot of things to learn. But we feel as we learn more over time and we can combine it with other bio samples that we collect we can learn much more about disease progression models in the future than we know today.

Let’s talk a bit about the business model behind the “World Without Disease” Accelerator. Most business models in the pharmaceutical industry today are based on curing disease rather than preventing it. How can this shift be made?

When I was growing up, when we bought a record there was often that one song you wanted along with eight to ten songs you didn’t want, right? This business model changed completely when we look at Spotify and co today. We think that there will be similar changes in business models to win at healthcare, where you are purchasing healthcare that works best for you and provides the benefits that you need.

You mentioned Apple before and the collaboration you are doing using Apple Watch. Which other types of technology will be important for the future and what kind of collaboration are you seeking outside the industry?

In my pocket I carry my Fitbit. Fitbits are great right? But why are they? No matter if Fitbits or Apple Watches, it’s passive measures. They don’t require me to do anything except to make sure it’s in my pocket or on my arm. It’s a lot more passive than asking someone to type a lot of information into an app. Could you envision sensors in your bed and while you sleep they’re collecting information on breathing, heart rate and a bunch of other data? Those types of things that are a lot more passive. That’s the way things will head in the future. Also, it will always have to be validated with some biomarker. I think those more passively measured things with a biomarker to validate is the way to go.

There are two other areas of particular interest to us. One is around the use of voice. You can analyze voice to detect symptoms of depression, stress, anxiety or Alzheimer’s etc. The second thing is what I call the world around semantic analysis. And again, you are not being asked to do anything special. All this information is being collected and then you can be alerted and reminded whether you want to check this. If you are writing ten emails a day and then you stop writing emails one day that could be a sign of depression or something else. Let’s go figure out what that is. It does not require someone to take a blood sample or whatever would help you to get there.

Your tagline is “A world without disease” – a bold prediction. What is the background to this?

It is similar with a lot of things in life:depending on where you set the bar, it effects how you think about the problem. There are for example about 300 million smokers in the world. If the goal is to get to 295 million, the answer would be let’s just do what we do today, but better. If you say our goal is “no more smokers” you know you’ll have to completely change the game. And that is our goal. To completely change the paradigm. And that is going to take time. These things don’t just change overnight.

And yes, we will work through multiple solutions. If we look at Type 1 Diabetes, our initial solution that we are working on today will probably not cure Type 1 Diabetes. But I think we will make very meaningful advances at slowing down the progression.

And one point that is also crucial and that I think we do not mention enough: To win in this space is all about talent acquisition. You need the best people on the team to win. And if you don’t have a compelling vision, today’s young talents won’t recognize you. They want to work on visionary efforts. And for us, the best talent is what we need to be successful.

We talked about Type 1 Diabetes. Which other areas of disease are you focusing on at the moment?

The three areas that we are focusing our “world without disease”work on today are Type 1 Diabetes, lung cancer and colorectal cancer. We chose those because we believe we understand the science enough to be able to intervene, both to diagnose and identify people at risk, as well as to provide solutions.

I do think by focusing on a small set of diseases we understand well we do have a stronger chance of making a real difference there. Versus a strategy that could be broad to solve many things. But then your resources have to stretch so thin that you can make so little difference in each of these areas. Also, we do want to create a change in how healthcare is being delivered. And while we are glad to be the tip of the spear, we don’t have to be all of the spear. That ability to work well with other companies helps us a lot as we go on.


About Ben Wiegand

As head of the Disease Interception Accelerator (DIA), Dr. Ben Wiegand and his team are working on research into the causes of selected diseases. This should help to intervene earlier than the clinically accepted diagnosis point in order to stop, reverse or inhibit the progression of the disease. After more than 20 years with Johnson & Johnson (J&J), Dr. Wiegand is experienced in identifying and testing new business and financing models. He was also General Manager and Vice President, Science and Innovation, J&J Wellness & Prevention, Inc.

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