Chatbot von Baidu hilft bei der Selbstdiagnose

21.10.2016 App
3 Minuten Lesezeit
(c) Billion Photos/shutterstock.com

Der chinesische Suchmaschinenbetreiber Baidu hat den Chatbot „Melody the Medical Assistant“ Anfang Oktober erfolgreich gelauncht.

Wer jemals versucht hat, eine Selbstdiagnose mithilfe von Online-Recherche zu erstellen, kennt dieses Problem nur zu gut: Je mehr Suchergebnisse man findet, desto kränker fühlt man sich. Symptome verschiedenster Krankheiten erscheinen passend und man möchte so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen.

Bessere Selbstdiagnose mit künstlicher Intelligenz

Baidus Chatbot arbeitet mit künstlicher Intelligenz und soll so herausfinden können, ob man krank ist oder nicht. Im Fall einer echten Krankheit verbindet einen die App mit einem Arzt. Melody the Medical Assistant ist Teil der Baidu Doctor App und kostenlos im App-Store und bei Google Play verfügbar. Für den chinesischen Markt werden große Erfolge erwartet. Ob sich eine zukünftige englische Version des Chatbots in den USA durchsetzen kann, ist fraglich.

Die Baidu Doctor App gibt es seit 2015. Sie liefert Patienten erste medizinische Informationen und verbindet sie mit einem Arzt. Nach dem Einloggen in die Doctor App taucht nun der neue Melody Chatbot auf. Er verlangt in Form eines Gesprächs einige Basisinformationen über den Patienten und fragt diesen dann zehn Fragen zu seinen Symptomen.

Um die Symptome besser abzuklären, kann Melody weitere Fragen stellen. Außerdem werden die medizinische Vorgeschichte und Gewohnheiten abgefragt. Auf der Grundlage dieser Daten gibt der Chatbot Ratschläge.

Im Vergleich zu anderen medizinischen Online-Tools hat der Melody Chatbot einige Vorteile. Die App kann Symptome verschiedener Körperteile berücksichtigen und diese nach Stärke und Frequenz bewerten. Außerdem kann sie weiterführende Fragen nach Symptomen stellen, die der Patient eventuell irrtümlich als irrelevant empfunden hat.

Chatbot leitet Informationen an Ärzte weiter

Ihr „Wissen“ bezieht Melody aus Medizinbüchern. Die Praxistauglichkeit der App wurde mit chinesischen Ärzten und Medizinstudenten getestet. Wenn ein Patient mit einem Arzt verbunden werden möchte, bietet der Chatbot die Weiterleitung der eingegebenen Informationen an.

Auch dem Arzt spricht das künstlich intelligente Tool Empfehlungen aus. Diese beinhalten sowohl mögliche Tests als auch infrage kommende Krankheiten. All dies passiert, bevor der Patient überhaupt eine Praxis betreten hat. Dennoch bleibt der Arzt selbstverständlich für sämtliche medizinische Entscheidungen zu Diagnose und Behandlung verantwortlich.

Nur 1,5 Ärzte betreuen 1.000 Patienten

Derzeit nutzen etwa 150 Ärzte die neue App von Baidu. Gäbe es mehr Nutzer, könnte die gesamte medizinische Versorgung in China davon profitieren, so das chinesische Unternehmen. Denn: In China herrscht Ärzteknappheit. Im Jahr 2011 wurden 1.000 Patienten von nur 1,5 Medizinern betreut. In den USA liegt der Durchschnitt bei 2,5 Ärzten pro 1.000 Patienten, in Österreich sogar bei 4,9.

Stundenlanges Warten auf einen Arzt gehört deshalb in China zum Alltag. Eine App wie die von Baidu kann hilfreich sein, damit Patienten möglichst zeitnah Antworten auf ihre Fragen bekommen. Außerdem könnten sich die Ärzte so mit den Patienten beschäftigen, die die meiste Aufmerksamkeit brauchen.

Für den chinesischen Markt kann der Chatbot durchaus eine sinnvolle Erweiterung sein. Mehr als 600.000 Ärzte kann man über die Doctor App von Baidu kontaktieren. Den großen Arztbedarf kann man an der schnellen Verbreitung der App sehen. Neben Informationen über Krankheiten bietet die Doctor App auch Informationen über Ärzte und ihre Zulassungen. So soll verhindert werden, dass man an einen unqualifizierten Arzt gelangt.

Potential für den amerikanischen Markt fraglich

Baidu plant für die Zukunft eine englische Version von Melody the Medical Assistant. Deren Erfolg wird von Experten aber eher skeptisch beurteilt. Neben möglichen Sprachproblemen sind auch die Erwartungen amerikanischer Patienten anders als die der chinesischen.

Da amerikanische Patienten vermutlich Antworten in Echtzeit auf ihre medizinischen Fragen erwarten würden, ist es fraglich, ob Ärzte die App überhaupt nutzen würden. Zusätzlich ist das amerikanische Gesundheitssystem anders strukturiert, was das Konzept von Baidus Doctor App vor weitere Herausforderungen stellen wird.

Mediziner werden neue Technik auch nur nutzen, wenn sie ihnen eine deutliche Zeitersparnis bringt. Außerdem muss die Technik praktisch und intuitiv nutzbar sein. Ist diese erste Hürde überwunden und mögen die Ärzte das neue System, wird sich künstliche Intelligenz im medizinischen Bereich schnell verbreiten können.

 

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