Edward Kliphuis, Merck Ventures, im Interview: „Digitale Gesundheit muss den Status quo in Frage stellen“

Edward Kliphuis ist für Merck Ventures tätig und beschäftigt sich dort mit dem Aufbau eines Portfolios aus potenzialstarken Unternehmen, die sich mit Transformationsideen in der Life-Science-Branche befassen. Im Interview mit dem ePharma Insider gibt er Einblicke in die Welt des Venture Capitals und die Potenziale in der Zusammenarbeit zwischen Startups und Pharma.

Bei Merck Ventures definieren wir digitale Gesundheit als technologiegestützte Gesundheitsfürsorge, was bedeutet, dass wir uns mit Unternehmen befassen, die quantifizierbare Auswirkungen auf die Patientenresultate haben.

Von der Mineralölindustrie über das Investmentbanking bis hin zur Pharmaindustrie – Ihr bisheriger Karriereweg ist sehr breit gefächert. Was interessiert Sie besonders an der Life Science-Branche?

Lassen Sie mich zuerst einen Schritt zurücktreten. Mein beruflicher Werdegang bisher war in der Tat weitläufig. Es hat aber trotzdem immer einen zentralen Punkt gegeben, nämlich, dass ich ausgebildeter Pharmakologe bin. Der Ausreißer war also eher die Mineralölindustrie.

Durch einen totalen Zufall bin ich zum Rohstoffhandel gekommen. Ich lernte, wie verschiedene Finanzierungsmodelle funktionieren und erhielt eine solide Finanzausbildung. Was mir dann im nächsten Schritt den Einstieg ins Investmentbanking ermöglichte. Ich war dort auf der Sell-Seite – Sales & Trading – und ich habe mir immer Aktien angesehen, die sich auf die biopharmazeutische Industrie beziehen.

Dann kam mein Schritt zurück in die Venture-Capital-Branche. Ich kannte das Team von Merck Ventures von Anfang an und als ich den Anruf von Merck Ventures erhielt, war für mich klar, dass ich diesen Schritt gehen möchte. Es war eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens, und das nicht nur, weil das Team hier hervorragend ist.

Die Life Sciences-Branche ist für mich persönlich interessant, denn Ihr ultimatives Produkt ist es, das Leben von Menschen zu verbessern. Das ist etwas, wofür ich morgens aufwachen und einen Beitrag leisten möchte. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, dann haben wir auf ein Medikament gesetzt, das in 10 Jahren auf den Markt kommt, oder wir setzen auf ein medizinisches Gerät, das das Leben des Patienten beeinflussen kann. Ich denke, das ist das Wichtigste.

Startups und Pharma, welche Chancen sehen Sie hier für diese Kombination?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn es gibt viele Dinge, die einem da in den Sinn kommen. Erstens würde ich sagen, dass die Industrie in den letzten zehn Jahren zu einem Modell übergegangen ist, bei dem sie eher als Marketingmotor agiert. Pharmaunternehmen haben ihre F&E-Organisationen reduziert und Teile ihrer Arzneimittelentwicklungsprozesse weitgehend an Externe ausgelagert. Dies hat den schnellen und flinken Biotech-Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, rasch Medikamentenkandidaten zu entwickeln, die für größere Pharmaunternehmen validierbar sind, um sie dann weiterzuentwickeln und ihr Portfolio an Medikamenten im Spätstadium auf dem Markt zu erweitern.

Was ich insbesondere für die digitale Gesundheit sehe, ist das Potenzial, den Status quo in Frage zu stellen. Wenn man darüber nachdenkt, dann sind die großen Veränderungen, die eine Industrie in ihren Grundfesten erschüttern, historisch gesehen meistens von außen angestoßen worden. Eine Gruppe externer Innovatoren bringt disruptive Ideen mit – z.B. aus der Technologiebranche – und sorgt dafür, die Gesundheitsfürsorge zu verändern.

Ein Beispiel, das ich gerne bringe, ist McLaren Formel 1. McLaren Formel 1 soll vor einiger Zeit ein Angebot von Apple erhalten haben. Die allgemeine Auffassung war, dass dies aufgrund ihrer Antriebstechnik und der selbständig fahrenden Autos geschah.

Gerüchte im Silicon Valley besagten jedoch, dass das Angebot wegen der MAT-Gruppe (McLaren Applied Technologies), einem Institut innerhalb von McLaren, abgegeben wurde. Diese Jungs überwachen die F1-Fahrer auf die gleiche Weise und mit der gleichen Sorgfalt, wie sie die F1-Fahrzeuge überwachen. Sie betrachten Herzfrequenz, Blutdruck und eine Reihe anderer Biomarker. Das ist genau wie in der Pharmaindustrie, aber mit einem anderen Ziel: Das Auto so schnell wie möglich auf der Rennstrecke fahren zu lassen.

Es sind diese Art von externen Innovatoren und Einflussnehmern, die von außen in die Pharmabranche eindringen werden. Wenn die Pharmaindustrie nicht auf neue Technologien setzt, besteht die Gefahr, dass sie von außen zerrüttet wird.

Risikokapitalinvestitionen in die digitale Gesundheit haben in den letzten Jahren zugenommen – wir haben einige Beispiele gesehen. Welcher Bereich ist aus VC-Sicht für Sie als Investor am interessantesten?

Digitale Therapeutika sind interessant. Und es gibt natürlich alle möglichen Unterkategorien wie künstliche Intelligenz als Enabler, große Daten als Enabler. Neuartige Biomarker sind ein weiteres Beispiel. Und Felder wie Verhaltensänderungen.

Bei Merck Ventures definieren wir digitale Gesundheit als technologiegestützte Gesundheitsfürsorge, was bedeutet, dass wir uns mit Unternehmen befassen, die quantifizierbare Auswirkungen auf die Patientenresultate haben – ähnlich wie das oben beschriebene F1 Beispiel.

Einer der Hauptgründe dafür ist, dass das Ökosystem des Gesundheitswesens (das Ökosystem Patient – Kostenträger – Anbieter) ein seltsames Dreieck ist, wenn man darüber nachdenkt: Der Patient oder Verbraucher zahlt nicht direkt für seine Produkte, der Kostenträger stellt nicht direkt zur Verfügung und der Anbieter wiederum stellt die Transaktion zur Verfügung, kontrolliert sie aber nicht. Um einen Business Case für unsere Unternehmen zu sehen, müssen wir also in der Lage sein, auf eine Payer-Strategie zuzugreifen. Das wiederum bedeutet, dass wir einen positiven Einfluss auf die Therapie-Ergebnisse der Patienten nehmen müssen.

Welche Ambitionen hat Merck, in Unternehmen zu investieren, die nicht mit dem eigenen Geschäftsfeld verbunden sind? Denn Merck ist ja zunächst ein Wissenschafts- und Technologieunternehmen in den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials und nicht als VC bekannt.

Das stimmt, und das ist eine sehr interessante Frage. Vielleicht einen Schritt zurück zu Merck Ventures: Merck Ventures ist ein Evergreen-Fonds im Wert von 300 Millionen Euro, der 2009 gegründet wurde.

Diese 300 Millionen Euro teilen sich in vier Fonds auf: unseren Healthcarefonds, der sich auf Therapeutika konzentriert, den Life Sciences-Fonds, der mit dem Life Sciences-Geschäft von Merck verbunden ist, Performance Materials, der mit dem Performance Materials Geschäft von Merck verbunden ist, und den New Business-Fonds. Mit dem Fonds für neue Geschäfte sollen Investitionen getätigt werden, die über die bisherige Strategie von Merck hinausgehen, oder zwischen den Geschäftsfeldern liegen.

Das Mandat von Merck Ventures besteht darin, weltweit in Transformationsideen zu investieren, die von großen Unternehmern vorangetrieben werden. Wir nehmen eine aktive Rolle in unseren Portfoliounternehmen ein und arbeiten mit Unternehmern und Co-Investoren zusammen, um Innovationen in Richtung kommerzielle Erfolge zu übersetzen.

Grundsätzlich bauen wir ein Portfolio mit potenzialstarken Unternehmen und Technologien auf und unterstützen diese Unternehmen bei der Weiterentwicklung ihrer Programme, indem wir ihnen den Zugang zu Merck ermöglichen. Merck nimmt jedoch nie Options- oder Vorkaufsrechte auf diese Vermögenswerte: Wir verkaufen unsere Portfoliounternehmen an den Meistbietenden.

Welches sind die Ziele, die Merck mit diesem Fonds verfolgt? Wenn Sie Innovationen akquirieren, wollen Sie damit Geld verdienen oder wollen Sie Talente gewinnen und innovative Menschen ins Unternehmen holen?

Wenn Sie sich das Spektrum des Corporate Venture Capital anschauen, sind wir auf der eher finanziell getriebenen Seite des Spektrums. Das heißt nicht, dass wir nicht strategisch investieren: Unsere Anfangsinvestitionen sind immer von einer strategischen Logik getrieben, das heißt, wir investieren in Bereiche, die für Merck von Interesse sind – sei es direkt oder indirekt, lang- oder kurzfristig.

Um jedoch Zugang zu den besten Technologien zu erhalten und um die besten Teams und um mit den besten Co-Investoren zusammen zu investieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten, müssen wir zu der strategischen Komponente auch die finanzielle Disziplin eines herkömmlichen Venture Fonds aufbringen und somit die Wertschöpfung und damit Rendite anstreben. So können wir als ernstzunehmenden Investor gesehen werden, der finanzielle Renditen anstrebt und gleichzeitig Zugang zu Schlüsselpersonen in einem großen Unternehmen bietet, wenn dies vom Portfoliounternehmen gewünscht wird. Wenn Sie sich Venture Capital als eine Straße mit Hotdog-Verkäufern vorstellen, in der jeder den gleichen Hotdog verkauft, dann verkaufen wir einen Hotdog mit Ketchup und Senf. Aber Sie müssen die Sauce nicht extra bezahlen.

In der Vergangenheit gab es Tendenzen in der Zusammenarbeit zwischen IT-Giganten und Pharma mit zahlreichen Beispielen wie Google und IBM als Partner von Novartis oder Apple. Sehen Sie die IT-Giganten in Zukunft als Partner oder Wettbewerber?                 

An dieser Stelle würde ich sagen, als Partner. Aber wenn man Pharma nur als eine große Marketingorganisation betrachtet, dann könnte die Branche in der Tat von Unternehmen wie Amazon aufgemischt werden. Aufgrund der Entwicklungsfähigkeit und der Fähigkeit, sich in einem komplexen, regulierten Umfeld zurechtzufinden, hat Pharma jedoch nach wie vor eine starke Position im Markt. Ich denke, es gibt einen Platz für Pharma, wenn es ihnen gelingt innovativ zu bleiben.

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