„From Volume to Value“: Die Frontiers Health Konferenz 2018 im Zeichen der Patientenzentriertheit

20.11.2018 Trends
3 Minuten Lesezeit
(c) ePharma Insider | Barbara Zartl

„The pharmaceutical industry is all about pilots. So let’s fly!“ Mit diesen Worten eröffnet Proteus Digital Health CEO Andrew Thompson seine Keynote vergangene Woche auf der Frontiers Health Konferenz in Berlin.

Seine Message: Das klassische Business Modell der Pharmaindustrie muss sich verändern, um einen nachhaltigen Outcome für Patienten zu erzielen. Viele Medikamente scheitern im Moment daran, dass sie nicht oder nicht richtig eingenommen werden. Thompson betont, dass es sich dabei um ein Produkt-Problem, nicht um ein Patienten-Problem handle. Seine Lösung: Digitale Medikamente, sogenannte DigiMeds. Es ist natürlich kein Zufall, dass Thompson hier die Lösung sieht. Seine Firma Proteus Digital Health hat mehrere digitale Medikamente für verschiedene Fachbereiche entwickelt. Besonders im Bereich der psychischen Gesundheit, kardiovaskulären Erkrankungen oder der Onkologie werden große Erfolge erwartet. Das Ziel: Mittels kleiner Sensoren in den Medikamenten soll für Patienten und Ärzte die richtige Einnahme besser überprüft und die Adhärenz verbessert werden können.

Für Proteus Digital Health ist dabei die Kombination von drei Komponenten wichtig: Zu Beginn stehen DigiMeds, die mit entsprechenden Sensoren ausgestattet sind. Im nächsten Schritt kommen Wearables zum Einsatz, die diese Medikamente erkennen und die physiologische Reaktion überwachen und im dritten Schritt spielen mobile Applikationen zur Unterstützung der Selbsthilfe für Patienten und der Entscheidungsfindung des Arztes eine wichtige Rolle. Die Kombination dieser Komponenten soll es ermöglichen, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und Services auf dessen Bedürfnisse anzupassen.

Was bedeutet Patientenzentriertheit?

Der Patient und seine Bedürfnisse. Diesem Thema wurde viel Aufmerksamkeit auf der diesjährigen Frontiers Health Konferenz geschenkt. Sowohl Startups als auch etablierte Pharmafirmen sind sich einig: Der Patient ist wichtig. Ähnlich wie Google oder Amazon vor einigen Jahren, steht die Healthcare Branche nun an einem Scheideweg. Es geht um die Entscheidung, wie Patienten nachhaltig erreicht werden können. „From Volume to Value“, meint Andrew Thompson und zieht als Beispiel Google und Yahoo heran. Während Yahoo auf möglichst viele Impressionen aus war, fing Google damit an, mehr Infos über die User und ihre Gewohnheiten zu sammeln und schlug einen qualitativen Weg ein. Wie die Geschichte ausgegangen ist, weiß heute jeder.

Um Patienten zu erreichen, müssen heute mehr Daten als nur demographische herangezogen werden. Es reicht nicht aus zu wissen, wo jemand wohnt, wie alt er ist und welches Geschlecht er hat. Erst wenn die individuellen Bedürfnisse und Lebensumstände erkannt werden, ist echte Personalisierung möglich.

Daten sind der Schlüssel zum Erfolg

Und am Ende gewinnt derjenige, der die meisten und vor allem die besten Daten hat. Auch wenn die Datenschutzproblematik – gerade in Europa – ein großes Thema und Datenschutz grundsätzlich immer garantiert werden muss. Wenn die richtigen Lösungen angeboten werden, dann sind Patienten auch bereit, ihre Daten preiszugeben. Das meint auch Alexander Grunewald, Business Technology Leader bei Johnson & Johnson, und betont hier vor allem den Bereich Onkologie. Patienten seien hier in einer besonders schwierigen Lage und nähmen jede Hilfe gerne an, die sie bekommen können. Wichtig wird es daher, sogenannte „value-based relationships“ zu etablieren, in denen der Outcome mehr zählt als eine einzelne Therapie. (Das ganze Interview mit Alexander Grunewald gibt es in Kürze hier nachzulesen)

Den Wert von Daten und die Generierung dieser haben auch die teilnehmenden Startups erkannt. Viele setzen dabei auf AI. Und was bei allen digitalen Lösungen stets im Mittelpunkt steht, ist auch hier der Patient. Denn, und da sind sich alle einig, die Zukunft der Healthcare Branche liegt beim Patienten.

Wie sieht das jetzt in der Praxis aus? Ein Fazit

Die Euphorie ist groß, wenn es um das Thema Patientenzentriertheit geht. Kaum ein Pharmaunternehmen, dass nicht betont, wie wichtig der Patient und dessen Bedürfnisse seien. In der Praxis sieht das allerdings noch anders aus. Veränderungen machen sich vielleicht bereits im Kleinen bemerkbar. Auf die ganze Industrie gesehen kann aber nicht die Rede davon sein, dass jetzt alles stehen und liegen gelassen wird und nur noch der Patient im Mittelpunkt steht. Das liegt einerseits daran, dass der Arzt – besonders in Mitteleuropa – immer noch eine wichtige Stellung hat und in den meisten Fällen derjenige ist, der Therapieentscheidungen trifft und in weiterer Folge Medikamente verschreibt. Auf der anderen Seite herrscht große Unsicherheit darüber, wie man denn nun auf den Patienten zugehen soll. Da gibt es die strengen Regulatorien, das Werbeverbot und fehlende Erfolgsgeschichten im großen Stil.

Inoffizielle Gespräche auf der Frontiers Health Konferenz lassen erkennen wie nahe Euphorie und Frustration bei diesem Thema nebeneinander liegen. Man ist sich einig, dass das mit der Patientenzentriertheit ein wichtiger Ansatz ist und in Zukunft wohl über Erfolg und Misserfolg mitentscheiden wird. Eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem „Wie?“ konnten aber auch die zwei Tage in Berlin nicht geben. Wohl auch, weil es hier keine eindeutige „one-fits-all“ Lösung geben wird. Trial und Error lautet die Prämisse, die ja auch bei der Entwicklung von Medikamenten in der Industrie gang und gäbe ist. Wenn es um das Thema Patient geht, aber noch nicht ganz angekommen scheint.

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