UX Design: Guideline bei App-Entwicklung für Mental Health

13.08.2019 How-To
4 Minuten Lesezeit

Im UX Design, kurz für User Experience Design, bildet die permanente Recherche den Grundstein für ein erfolgreiches Produkt. Vor allem im Bereich der Gesundheitsversorgung auf psychischer Ebene gilt es, die Frage nach dem Nutzen für den User zu klären. Denn häufig verlangt der User eine Sache, sein Handeln zeigt jedoch ganz andere Notwendigkeiten.

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Ein Blick in die App Stores verrät, auch UX Designer wissen oft nicht wirklich, was die Nutzer brauchen, um ihre psychische Gesundheit zu verbessern. Hier setzt die Idee an, Fachpersonal in die Entwicklung solcher Apps einzubinden.

Wer A sagt, macht häufig B

Marli Mesibov berichtet von einer Erfahrung mit einem Benutzerinterview, in dem sich ein potenzieller Kunde einer Webseite negativ über das UX Design, speziell die Anordnung von Click-to-Action Buttons, äußert. Wenige Augenblicke später folgt er jedoch dem Aufruf und klickt entgegen seiner Ablehnung auf den Button. Dieser Clip dient als Paradebeispiel für die Ambivalenz von Nutzerverhalten.

Diese Ambivalenz lässt sich auch im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung bei Patienten erkennen. Obwohl es allseits bekannt ist, dass nach einer Verletzung bestimmte Übungen förderlich für eine schnelle Genesung sind, führt man diese nicht aus. Obwohl der Konsum von zuckerhaltigen Lebensmitteln bei einer Diabeteserkrankung zur Amputation von Gliedmaßen führen kann, futtert man weiter fleißig Süßkram. Die Entscheidung des Verzichts trifft sich in der abstrakten Ebene nun mal einfacher als im Moment selbst. Kommt eine psychische Erkrankung beim Patienten hinzu, wird dieser Entscheidungsprozess erheblich erschwert. Mangelnde Motivation, Entscheidungen zu treffen, stellt dabei nicht nur eine banale Alltagsherausforderung dar, sondern ist bereits ein Symptom von Depression und anderen psychischen Erkrankungen.

Integration von Medizinern im UX Design

Obwohl es durchaus Fachpersonal gibt, welches Patienten dabei hilft, psychische Erkrankungen zu überwinden, haben UX Designer häufig keinen Zugang zu diesem Wissen. Selbst wenn Zugang zu hochwertigen Informationen bereitgestellt wird, fehlt oftmals das Fachwissen. Dies ist jedoch wichtig, um einen Übergang von der persönlichen Behandlung hin zu einer digitalen Therapie zu schaffen. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, Fachleute mit einem medizinischen Hintergrund im UX Design auszubilden.  Diese müssen in die Entwicklung digitaler Möglichkeiten involviert werden, um persönliche Therapien in digitale Medien zu übertragen. Dabei werden die Hintergründe der Patienten erforscht, ihre Bedürfnisse analysiert und der Inhalt in eine angemessene Sprache übersetzt.

Gemeinsam mit ihren Kollegen hat Marli Mesibov eine Reihe von Richtlinien für UX Designer entwickelt, die an der Entwicklung von Apps für die Therapie von psychischen Erkrankungen arbeiten. In diesem Rahmen wurden fundierte Recherchen angestellt und unter anderem Sozialarbeiter, Psychiater, Therapeuten, Psychologen sowie UX Designer befragt.

UX Design mit H.E.A.L.T.H.-Guidelines für psychische Gesundheit

Das Ergebnis der Recherchen führte zu den folgenden sechs Guidelines, die allesamt einen bestimmten Aspekt fokussieren:

mental health ux design

© madpow.com/mentalhealthdesign

HUMAN (Mensch)

Apps sind eine großartige Ergänzung zur Behandlung der psychischen Gesundheit, aber keine App ist genug für sich allein. Dies gilt ebenso für Therapeuten und Medikamente, die alleine nicht ausreichen, um einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu „heilen“.

Vor diesem Hintergrund muss eine App, die für Menschen entwickelt wurde, welche mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, auch einen menschlichen Aspekt haben. Es sollte eine Methode zur Verbindung mit einem Therapeuten geben oder ein Support vorhanden sein. An diesen kann sich der Patient dann wenden, wenn er sich in einer Notsituation befindet oder Selbstmordgedanken hegt. Es sollte außerdem nach Möglichkeit soziale Unterstützung bieten, wodurch die Motivation erhöht werden kann.

EVIDENCE-BASED (Evidenzbasiert)

Ärzte greifen auf bereits bewährte Therapien bei der Behandlung von Patienten zurück. Dieser Pool an Methoden und Therapien dient als Grundlage, aus der ein UX Designer sein Wissen schöpfen und App-relevante Schlüsse ziehen sollte. Darüber hinaus sollten sich die Designer mit Assessments wie dem PHQ-9, einem neunstufigen Fragebogen zur Depression, vertraut machen.

ACCEPTING (Akzeptieren)

UX Designer, die eine App für Menschen mit psychischen Erkrankungen entwickeln, müssen sich der Kraft ihrer Sprache bewusst sein. Häufig hindert die Angst vor dem Scheitern viele Menschen daran, sich behandeln zu lassen. Die App muss daher Empathie fördern. Zudem sollten Moderatoren innerhalb der Social Community einer App sicherstellen, dass Interaktionen untereinander stets positiv ablaufen.

LASTING (Dauerhaft)

Es gibt zwei Arten von Motivation: intrinsisch und extrinsisch. Es ist einfach, Beispiele für extrinsische Motivation in Apps zu finden – z.B. in Form von Abzeichen oder anderen Belohnungen. Eine nachhaltige Veränderung kann jedoch nur durch intrinsische Motivation bewirkt werden. Deshalb ist es wichtig, den Usern aufzuzeigen, was sie erreichen oder wie sie sich fühlen wollen bzw. wie nützlich die Maßnahmen sind, die sie ergreifen. Wenn sich Menschen in Sicherheit fühlen und erkennen, welche positiven Effekte ihr Handeln hat, werden sie eine intrinsische Motivation spüren.

TESTED (Getestet)

Usability-Tests sind zwar für alle Apps von Bedeutung, jedoch ist es vor allem im Gesundheitsbereich wichtig, Apps zu entwickeln, die eine Nutzung einfach gestalten. Darüber hinaus beeinflussen einige psychische Erkrankungen die Konzentrationsfähigkeit eines Benutzers, sodass Usability-Tests mit der Zielgruppe Bedürfnisse aufdecken können. Die Tests sollten dabei zwei Ziele verfolgen:

  • die Wirksamkeit der App
  • die Benutzerfreundlichkeit

HOLISTIC (Ganzheitlich)

Da eine App im Leben ihres Users nur einen geringfügigen Stellenwert einnimmt, muss man sich im UX Design darüber im Klaren sein, wie man die App am besten an den Alltag der Patienten anpassen kann. Was motiviert ihn, die App zu öffnen? Was gewinnt seine Aufmerksamkeit und wie oft? Der User sollte ganzheitlich betrachtet werden, um eine App entwickeln zu können, die ihn anspricht und ihn mit seinen Bedürfnissen vereint.

Dabei gilt es, bei der Entwicklung der App nicht nur die Diagnose und die Behandlung zu betrachten. Es müssen auch Faktoren wie Kultur, sozialer Hintergrund, die eigene Kompetenz in Sachen Gesundheit sowie das Alter der User berücksichtigt werden. Wenn man also versteht, dass jeder Mensch individuell funktioniert und eine Therapie nicht immer den gleichen Erfolg verspricht, schafft man die Grundlage, viele Menschen zu unterstützen. Dank der HEALTH-Richtlinien gibt es im UX-Design eine Guideline, die einen Ausgangspunkt legt, um neue, innovative Möglichkeiten zu liefern, psychische Erkrankungen zu behandeln.

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