Interview mit Alexander Grunewald: „In Zukunft muss der Patient im Vordergrund stehen“

22.11.2018 Interviews
5 Minuten Lesezeit

Alexander Grunewald ist Business Technology Leader bei Johnson & Johnson. Begonnen hat er seine berufliche Laufbahn in der Wissenschaft, wo er im Fachgebiet Neurowissenschaften promovierte. Wir haben uns mit ihm auf der Frontiers Health Konferenz 2018 in Berlin getroffen und über Patientenbedürfnisse, Innovationen in der Branche und Trends für die Zukunft gesprochen.

Meiner Meinung nach sollte es dahin gehen, dass das Produkt nicht mehr zentral ist, sondern dass es einfach darum geht: Wie bekommen wir den Patienten wieder gesund?

Zu Beginn gleich eine persönliche Frage: Wieso die Gesundheitsbranche? Was findest du spannend an der Healthcare Industrie?

Ich habe Mathematik studiert und war aber immer sehr daran interessiert wie das Gehirn funktioniert. Ich habe dann in Neurowissenschaften promoviert und war auch Postdoc und Professor der Neurowissenschaften. Da kommt man dann natürlich sehr schnell mit Krankheiten in Berührung und da wurde dann auch mein Interesse am Gesundheitswesen geweckt. Ich habe dann von der Wissenschaft weg zu McKinsey gewechselt und dort exklusiv im Gesundheitsbereich gearbeitet. Dort habe ich auch die Industrie näher kennengelernt. Ich wusste vorher auch gar nicht wie komplex und spannend das alles ist.

Wenn wir uns die Veränderung der Gesundheits- und Pharmabranche von einem „Blockbuster“ Modell hin zu einem „beyond the pill“ Ansatz ansehen, wo steht Johnson & Johnson hier? Welche Ansätze werden im Unternehmen verfolgt?

Ich denke es stimmt schon, dass der Fokus früher mehr auf Blockbuster lag. Aber das ist ja heute zum Teil auch noch so. Es ist nicht so, dass dieses Denken völlig verschwunden ist. Digitale Lösungen und Ansätze „beyond the product“ gibt es bei vielen Firmen, aber es ist bei weitem nicht so, dass es sich hierbei um das Standardmodell handelt. Das Problem ist auch, dass es niemand so richtig im Griff hat. Man versucht einen Ansatz hier und einen anderen Ansatz dort, aber so richtig „gelöst“ hat man das Problem nicht.

Wir haben dazu natürlich auch Ansätze. Speziell bei unserem Onkologie- und auch Orthopädie-Bereich. In der Onkologie sind die Krankheitsbilder so komplex und die Patienten oft in einer emotional extrem komplexen Phase, dass Sie jede Hilfe brauchen, die wir ihnen geben können. Wir versuchen sie da auf der einen Seite bei der Entscheidungsfindung hinsichtlich Therapie zu unterstützen und auch auf emotionaler Basis Fragen zu beantworten.

Gibt es konkrete Beispiele wo einer dieser patientenzentrierten Ansätze für J&J gut funktioniert hat?

Vor vielen Jahren haben wir die Website cancer.com gegründet und hier eine sehr informative Plattform aufgebaut. Da gibt es sehr detaillierte und spezifische Informationen auf den Patienten zugeschnitten. Das wird gut angenommen.

Ein zweites Projekt war mit einem Startup zusammen. Da haben wir Informationen bereitgestellt, die den Patienten unterstützen und auch telefonische Auskunft über die Therapie gegeben hinsichtlich Einnahme, Nebenwirkungen und Therapieverlauf.

Wie werden solche Initiativen von Patienten angenommen? Gerade im europäischen Markt herrscht ja eher Skepsis gegenüber Datenfreigabe und Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen.

Also eigentlich werden diese Services sehr gut angenommen. Wir gehen da ja nicht direkt auf Patienten zu und bieten unsere Leistungen an, sondern diese werden von Ärzten oder Gesundheits- und Krankenpflegern weiterverwiesen. Und gerade in der Onkologie nehmen Patienten jede Unterstützung gerne an. Wir sind um Datenschutz natürlich sehr besorgt, das ist gar keine Frage. Wir sehen aber, dass dieses Thema für Patienten in der Situation eher zweitrangig ist.

Wenn wir nun mehr in Richtung Technologie gehen. Welche Trends werden in naher Zukunft besonders wichtig für die Branche?

Ich persönlich möchte darauf hinarbeiten, dass wir eine sogenannte „value-based relationship“ etablieren. Das ist für mich auch der Grund, warum ich in diesem Gebiet arbeite. Sowohl mit der Krankenkasse als auch mit dem Spital sollten wir in Zukunft nicht mehr nur zusammenarbeiten, um ein Produkt zu verkaufen, sondern einen bestimmten Outcome. In der Orthopädie wäre dieser Outcome vielleicht, zwei Monate nach der Operation zehntausend Schritte zu gehen. Diese Ziele sind sehr wichtig. Wir haben intern eine eigene Gruppe, die sich nur um Behavioral Change und Behavioral Science kümmert und wir haben gesehen, dass Patienten selbst diese Ziele für sich definieren und das für den Verlauf der Therapie enorm wichtig ist.

Oft wird bei neuen patientenzentrierten Ansätzen auch die Zusammenarbeit mit Startups gesucht. Wo siehst du hier Chancen bzw. wie geht Johnson & Johnson mit dem Thema um?

Wir schlagen verschiedene Brücken zu Startups. Die eine Brücke ist ganz einfach, dass wir in sie investieren. Wir investieren aber nur, wenn wir uns auch vorstellen könnten, diese dann zu kaufen. Ein anderer Ansatz ist, dass wir mit Startups gemeinsam arbeiten und diese dann einen Teil unserer Lösung anbieten. Man muss hier aber auch sehr vorsichtig sein. Wie schon erwähnt spielt hier die Datenschutz-Thematik eine Rolle. Der andere Punkt ist, dass häufig nicht von vornhinein klar ist, ob diese das auch wirklich liefern können und wir da sehr vorsichtig sein müssen, wenn Patienten involviert sind. Wir sehen aber auch, dass Startup Teams sehr dynamisch sind, sich neue Sachen ausdenken und sich sehr schnell anpassen können. Sachen, die wir intern vielleicht in Monaten und Jahren umsetzen, können diese Firmen oft schon in Wochen.

Andrew Thompson von Proteus Digital Health sprach in seiner Keynote auf der Frontiers Health Conference davon, dass wir uns heute wieder an einem Breakpoint befinden wie Anfang der 1980er Jahre, als mit dem Humaninsulin das erste Biopharmazeutikum auf den Markt kam und die Medizin grundlegend verändert wurde. Digital Health wird heute oft als DIE schnelle Lösung für viele Probleme gesehen, diese zu etablieren braucht aber auch Zeit.

Es gibt ein paar Prinzipien, die sind hier sehr wichtig. Es ist niemandem gedient, wenn es für jede Therapie eine eigene Lösung gibt. Die meisten Lösungen sind aber im Moment nur auf das eine Produkt zugeschnitten. Für uns ist es daher sehr wichtig, dass eine Lösung den Patienten ganzheitlich abdeckt, nicht nur in dem einen Produkt, dass er von uns nimmt. Das ist aber ein Gesichtspunkt, der ein Marketingteam herausfordert.

Eine Schwierigkeit stellt dann vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Kompetitoren dar?

In der Realität ist es aber doch nicht so schwer. Man hat hier gesehen, dass spezifische Lösungen einfach nicht verwendet werden. Also entweder wir entwickeln etwas, das nicht verwendet wird, oder wir entwickeln etwas, das verwendet wird und dann unter Umständen auch unseren Konkurrenten nutzt. Da ist es wichtig den Patienten in den Vordergrund zu stellen, um richtig zu entscheiden.

Trotz all der Innovationen in der Branche hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass die Pharmaindustrie neuen Technologien sehr kritisch gegenübersteht. Wieso?

Im Grundprinzip ist das Modell für Pharma und Medizintechnologie wie folgt: Neues Produkt entwickeln, launchen, Markanteil bekommen, Produkte schrittweise weiterentwickeln, Marktanteil behalten und dann Lifecycle Management. Und da ist es dann relativ schwer im Nachhinein eine zusätzliche Lösung einzuführen. Das heißt es wäre besser, man macht das von vornhinein und das erhöht natürlich die Koordinationsschwierigkeiten. Anstatt nur einen Trial zu machen muss man jetzt auch gleich noch die Lösung präsentieren. Wenn ein Trial jetzt zwei Jahre dauert, dann ist das für neue Technologien natürlich eine enorme Zeitspanne. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren gab es das iPhone 8 noch gar nicht. Und diese unterschiedlichen Zeitspannen sind sehr schwierig zusammenzubringen. Und da ist es sehr gut, was die FDA in den USA im Moment macht. Sie sagen es geht nicht darum, eine spezifische App, sondern den Hersteller zu attestieren und dadurch dann die diversen Versionen der App zu inkludieren.

Wie sieht die Zukunft aus? Wo soll es hingehen in den nächsten Jahren?

Der Patient soll von uns ganzheitlich unterstützt werden. Da soll es dann ein Produkt geben und die passenden Lösungen dazu. Und meiner Meinung nach sollte es dahin gehen, dass das Produkt nicht mehr zentral ist, sondern dass es einfach darum geht: Wie bekommen wir den Patienten wieder gesund?

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