Interview mit Francesca Wuttke: “Wertorientierte Gesundheitsversorgung wird der Weg in die Zukunft sein”

04.12.2018 Interviews
3 Minuten Lesezeit

Als Managing Director des Global Health Innovation Funds von MSD, fokussiert Francesca Wuttke Investitionen in Digital Health im europäischen Markt. Wir haben sie auf der Frontiers Health Konferenz getroffen und über Technologien der Zukunft und den Patientenfokus des Startups Antidote gesprochen, an dem sie als Board Member beteiligt ist.

Ich denke, für die Pharmaindustrie bietet diese Zusammenarbeit [Anm.: mit Startups] die Innovation, die sie dringend braucht. Und ein Fonds ermöglicht es ihnen, sich digital zu verändern.

Beginnen wir mit einer kurzen Einführung zu deiner Person. Wie hast du den Weg in die Gesundheitsbranche gefunden und was ist für dich besonders interessant an dieser Branche?
Ich bin Teil des Global Health Innovation Funds von MSD, einem Evergreen Fund mit einem Volumen von 500 Millionen Dollar. Wir widmen uns ausschließlich Investitionen in den Bereichen Digital Health und gesundheitsfördernde Technologien. Ich wurde beauftragt, die europäischen Investitionen für den Fund zu übernehmen. Wir haben bisher zwei Investitionen getätigt. Die eine ist eine Firma namens antidote.me und die andere steht kurz vor dem Abschluss und wurde noch nicht veröffentlicht. Sie befindet sich auch im Bereich des Managements klinischer Studien.

Ich bin ausgebildete Wissenschaftlerin und habe mit dem Management klinischer Studien begonnen. Dann ging es weiter in Richtung Pharma, Consulting und Private Equity. Für mich war der rote Faden schon immer, wie können wir die Medikamentenentwicklung beschleunigen? Digitale Lösungen bieten offensichtlich eine phänomenale Möglichkeit, dies zu erreichen, indem sie die Effizienz sowohl zeitlich als auch finanziell sicherstellen. Und das ist sehr attraktiv.

Woran ist MSD bei der Identifizierung und Förderung von Start-ups besonders interessiert?

Wir sind Growth Investors. Also investieren wir erst etwas später in die Unternehmen. Wir mögen es, wenn die Einnahmen bereits mindestens ein paar Millionen betragen. Wenn ich ein interessantes Unternehmen finde, das sich noch in einem frühen Stadium befindet, versuche ich, diese Beziehung zu pflegen und sie bis zur nächsten Phase zu begleiten, damit wir schließlich in sie investieren können.

Die Frontiers Health Conference hat viel damit zu tun, Pharmaunternehmen und Startups zusammenzubringen. Wir sehen auch, dass Pharmaunternehmen immer mehr daran interessiert sind, eigene Fonds zu gründen und mit Startups zusammenzuarbeiten. Wie können deiner Meinung nach beide Seiten von diesen Unternehmungen profitieren?

Ich denke, für die Pharmaindustrie bietet diese Zusammenarbeit die Innovation, die sie dringend braucht. Und ein Fonds ermöglicht es ihnen, sich digital zu verändern.

Außerdem besteht für Investoren innerhalb eines Fonds die Möglichkeit, einen bestimmten Interessensbereich für das Unternehmen zu erschließen. In weiterer Folge können sie dann die bestmöglichen Unternehmen in diesem Bereich identifizieren und eine potenzielle Zusammenarbeit anstreben.

Wie sieht es mit der Patientenzentriertheit aus? Dies ist eines der wichtigsten Themen im Moment, das die Branche zu beschäftigen scheint. Gibt es Startups, mit denen ihr zusammenarbeitet, die sich auf diesen speziellen Bereich konzentrieren?

Antidote ist ein gutes Beispiel dafür. Es ist ein webbasierter Marktplatz, um Patienten für klinische Studien zu finden. Und es ist völlig patientenzentriert. Das war eines der Dinge, die mich am meisten überzeugt haben. Anstatt Websites oder Sponsoren zu haben, die versuchen, Patienten zu finden, sind es hier die Patienten, die auf die Website von Antidote oder von Patientenvertretungen kommen und daran interessiert sind, ihre eigene Gesundheit zu verändern. Sie suchen aktiv nach Informationen über ihre Erkrankung und wollen an klinischen Studien teilnehmen.

Für mich ist einer der aufregendsten Punkte über Antidote, dass sie interessierte Patienten in relevante Studien bringen. Der größte Teil der bestehenden Rekrutierungsmodalitäten besteht darin, geeignete Patienten zu finden, aber dann müssen diese Patienten nach ihrem Interesse befragt werden. Und dann wird der Trichter ziemlich klein, um Patienten zu finden, die den Kriterien entsprechen und auch interessiert sind. Antidot liefert Patienten, die wahrscheinlich geeignet und auch interessiert sind. Das spart Zeit auf allen Seiten.

Die Patientenrekrutierung basiert also ausschließlich auf deren persönlicher Motivation und Initiative? Sind auch Ärzte in diesen Prozess involviert?

Das ganze funktioniert auf mehreren Ebenen. Antidote habt Partnerschaften mit etwa 250 Patientenverbänden und Websites weltweit. Patienten, die auf diese Websites gehen, werden dann in die Antidote-Suchmaschine verschoben. Für jene Standorte, die eine Integration von Antidote vor Ort haben, gibt es die Möglichkeit direkt auf das Verzeichnis zuzugreifen. Für Patienten, deren Daten sich etwa in der Datenbank eines Spitals befinden, kann so direkt überprüft werden, ob sie für eine offene Studie berechtigt sind.

Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Ansätzen, aber der Patient treibt die Interaktion zum größten Teil selbst voran.

Können Sie mir einige Zahlen geben, wie viele Patienten pro Jahr die Services von Antidote in Anspruch nehmen? Wie groß ist die Plattform im Moment?

Ein Großteil der klinischen Studien, insbesondere in den USA, werden unter der Antidot-Plattform erfasst. Etwa 100.000 Patienten kommen jedes Jahr in das System, und es wächst von Jahr zu Jahr. Darüber hinaus gibt es etwa 10 Schlüsselindikationen, bei denen detailliertere Informationen über diese Patienten erfasst werden, um eine detailliertere Ansicht zu erhalten und eine spezifischere Eignung zu ermöglichen.

Zum Abschluss noch eine etwas allgemeinere Frage: Wo wird deiner Meinung nach neue Technologien in naher Zukunft die größten Auswirkungen auf die Gesundheitsbranche haben?

Ich denke, dass die wertorientierte Gesundheitsversorgung das Behandlungsparadigma auf der ganzen Welt wirklich verändern wird. Ich denke also, dass Unternehmen, die einen Mehrwert oder sinnvolle Kosteneinsparungen schaffen, oder klinisch validierte präventive Ansätze bieten können, den Weg in die Zukunft ebnen werden.

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