Karolina Korth, Roche, im Interview: „Wir brauchen Lösungen, die auf Patienten zugeschnitten sind“

03.12.2017 Interviews
4 Minuten Lesezeit

Wir haben Karolina Korth, verantwortlich für digital health scouting bei Roche Diabetes Care auf der diesjährigen Frontiers Health Konferenz in Berlin getroffen. Im ePharma Insider Interview verrät sie, wie welche Rolle Digital Health in der Behandlung chronischer Krankheiten spielt und wieso der Patient in Zukunft im Mittelpunkt stehen muss.

In Zukunft werden wir sicher stärker daran gemessen, ob der Patient tatsächlich bessere klinische Ergebnisse erzielt hat oder nicht. Gewinnen werden schlussendlich diejenigen, deren Lösungen am besten auf Patienten zugeschnitten sind.

ePharma Insider: Von Siemens zu Roche, wann hast du entschieden eine neue Herausforderung zu suchen und mehr oder weniger deine Karriere im Feld der digitalen Medizin zu verfolgen?

Karolina Korth: Mir hat es bei Siemens wirklich sehr gut gefallen und ich habe dort viel gesehen – von Smart Citys zu Healthcare. Nach ein paar Jahren habe ich allerdings den Bezug zu meinem Studium Psychologie gesucht. Und ich wollte etwas, was näher am Patienten ist und das war dort natürlich schwierig.

Zuerst habe ich überlegt mich in Richtung Behavioral Change selbständig zu machen. Deshalb bin ich auch immer sehr daran interessiert, wenn Start-Ups etwas zu diesem Thema erzählen. Als ich damals also überlegt habe etwas in dieser Richtung zu gründen und die Pläne konkreter wurden, habe ich Roche getroffen. Da habe ich dann erfahren, dass auch Roche Diabetes Care ein ambitioniertes Ziel im Bereich Digitalisierung verfolgt. Und Diabetes hängt natürlich sehr stark mit Behavioral Change zusammen und ist daher nahe am Patienten. Deshalb habe ich mich dann entschieden, den Schritt von Siemens zu Roche zu machen.

Was interessiert dich besonders, wenn es um das Thema digitale Gesundheit geht und die digitale Transformation?

In meiner Zeit bei Siemens habe ich viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Und da hatte ich sehr häufig den Eindruck, dass ich, immer wenn ich ein Krankenhaus besuche, das 21. Jahrhundert verlasse und im 19. Jahrhundert lande. Quasi „Pre-E-Mail-Zeit“ – viele Post-its, viel Stift und Papier.

Und da ich ein sehr großer Fan von Innovation bin, habe ich überlegt, wie man Innovation und Healthcare zusammenbringen kann. Wenn man es mal mit unserem täglichen Leben vergleicht: Wir verwenden WhatsApp und Skype tagtäglich, das ist für uns zur neuen Normalität geworden. Und wie kann man das in der Healthcare Industrie etablieren? In einer Industrie, die so schwer zu verändern ist, die trotz so vieler Veränderungen in unserer Gesellschaft immer noch so traditionell geblieben ist?

Wir kommen jetzt schon ein bisschen näher zu dem, was du eigentlich machst. Welchen Einfluss hat Technologie deiner Meinung nach, wenn es um die Behandlung von chronischen Erkrankungen geht, vor allem bei Diabetes?

Ich denke, vor allem im Bereich der chronischen Erkrankungen werden die Vorteile von Digital Health am schnellsten sichtbar. Patienten mit chronischen Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes verbringen im Schnitt etwa 15 Minuten mit ihrem Arzt, vier Mal im Jahr. Das ist rund eine Stunde pro Jahr. Jedoch werden sie rund um die Uhr mit der chronischen Erkrankung konfrontiert und müssen diese alleine managen. Das heißt, mit jeglichen Fragen zur Gesundheit und den täglichen Entscheidungen sind diese Patienten häufig auf sich allein gestellt.

Eine neue Rolle, die sich im Zuge dessen auch etabliert hat ist die des Coaches. Der Patient fragt seinen Ernährungs-Coach oder seinen Diabetes-Coach, wie er am besten seine Krankheit im Alltag managen kann. Alle diese Entscheidungen, die der Patient bisher alleine treffen musste können so gemeinsam mit einem Experten gelöst werden. Ich glaube, das wird eine der schnellsten und sichtbarsten Veränderungen sein, die mit Digital Health einhergehen.

Mit der Akquisition von mySugr war Roche sicherlich eine der ersten Firmen, die diesen B2C Mobile Health Approach gegangen sind. Was sind die kurz-, mittel- und langfristigen Erwartungen von Roche, mit dieser Akquisition? 

Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Transformations-Weg, den Roche Diabetes Care durchgemacht hat seit ich dort angefangen habe, miterleben durfte. Die Mission war hier wirklich ein Digital Health Unternehmen zu werden, weil das, wie bereits erwähnt, im Bereich chronischer Erkrankungen in Zukunft immer wichtiger werden wird.

Im Zuge dieser Transformation haben wir auch gemerkt, dass wir das nicht alleine schaffen und dafür Partner wie mySugr brauchen. Mit mySugr hat uns bereits eine lange Freundschaft verbunden und wir haben schon vorher intensiv zusammengearbeitet. Durch die Akquisition hoffen wir, dass der Startup Spirit und das patientenzentrierte Denken, das ja initial nicht unbedingt ein Charakteristikum für Big Pharma ist, in Zukunft Teil unserer Arbeit werden. Gemeinsam wollen wir den Patienten in den Mittelpunkt stellen und die besten Lösungen ausarbeiten.

Welchen Ratschlag würdest du Start-Up Gründern geben, die im Digital Health Bereich erfolgreich sein möchten?

Ich sehe sehr viele „Me-Too-Unternehmen“, die ein tolles Beispiel wie mySugr sehen und dann etwas ganz Ähnliches auf den Markt bringen wollen. Hier schätze ich die Erfolgschancen als eher gering ein. Was ich allerdings beobachtet habe, ist, dass vor allem jene Startups Erfolg haben, die sehr nahe an den Bedürfnissen der Patienten arbeiten. Wenn man weiß welches Problem man löst und warum man dafür eine neue Lösung oder einen neuen Weg braucht, dann ist das ein großer Vorteil im Gespräch mit Investoren.

Wichtig ist allerdings auch die konkrete Vorbereitung auf Investoren-Gespräche. Sehr häufig bekomme ich Anfragen von Unternehmen, die etwas in Richtung Diabetes machen wollen aber keine genaue Vorstellung haben, wie eine konkrete Zusammenarbeit aussehen soll.

Wir sind mit Roche Diabetes Care auf sehr vielen Konferenzen und sind dort sehr ansprechbar und gut erreichbar für Startups. Ich würde mir wünschen, dass Startups ihre Hausaufgaben machen, sich unsere Arbeit und unser Portfolio anschauen und dann überlegen, wie sie ein Teil davon werden können.

Wie glaubst du, dass die Gesundheitsindustrie in 10 Jahren aussieht? Welche großen Innovationen liegen vor uns?

Ich glaube Personalisierung wird noch viel wichtiger werden, eben ähnlich wie in anderen Lebensbereichen. Ich bin ein ganz großer Verfechter von Data-Driven Solutions und Personalisierung. Es wird deutlich mehr Lösungen geben, die genau auf Patienten zugeschnitten sind, basierend auf Daten, die der Patient während seines Alltags sammelt.

Auch Partizipation sehe ich als ein großes Thema in den nächsten Jahren. Patienten und ärztliche Betreuer werden noch viel stärker an dem ganzen Prozess teilhaben. Bisher war die Beziehung zwischen Arzt und Patient sehr hierarchisch. Die Digitalisierung wird diese Hierarchien aufbrechen und es werden neue Rollen entstehen, in denen der Patient im Vordergrund steht.

Und natürlich das Thema Datenschutz. Hier gibt es noch eine Vielzahl an Fragen zu klären. Wie wird man mit Daten in Zukunft umgehen? Wer besitzt diese Daten? Wie können wir am besten damit arbeiten, um Personalisierung zu ermöglichen? Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen der nächsten 10 Jahre.

Bisher zielen große Pharma Firmen ja hauptsächlich auf Ärzte und auch Daten werden dort generiert. Und jetzt sprechen alle von Patientenzentriertheit. Wie wird das in Zukunft aussehen?

Ich glaube, das wird sich noch sehr stark ändern. Am Ende des Tages zählen die klinischen Ergebnisse auf Seiten der Patienten. In meinen Augen sind Ziele und KPIs oft nicht richtig definiert. In Zukunft werden wir sicher stärker daran gemessen, ob der Patient tatsächlich bessere klinische Ergebnisse erzielt hat oder nicht. Gewinnen werden schlussendlich diejenigen, deren Lösungen am besten auf Patienten zugeschnitten sind. Und das werden die sein, die die meisten Daten haben.

Print Friendly, PDF & Email