Moonshot – Joe Biden will mit seiner Initiative Krebs heilen

31.05.2016 Kampagnen
3 Minuten Lesezeit

Den Mond zu erreichen war vor rund fünfzig Jahren das große Projekt der Amerikaner. Jetzt starten sie eine neue Mission: Moonshot 2020 soll ein Heilmittel für Krebs finden.

Amerika ist das Land der großen Missionen. Ziele sind hochgesteckt und wenn man die Ankündigung des amerikanischen Präsidenten Obamas zum Moonshot 2020-Projekt direkt ins Deutsche überträgt, klingt das Ziel nicht einfach angesetzt, sondern dem Namen „Mondlandung“ entsprechend eher astronomisch: „Letztes Jahr sagte Vizepräsident Biden, dass Amerika eine neue Mondlandung schaffen und Krebs heilen kann. […] Also kündige ich heute Abend nationale Bemühungen an, das zu tun.  […] Für die Geliebten, die wir verloren haben, und die Familien, die wir noch retten können: Lasst uns Amerika zu dem Land machen, das Krebs für immer heilt.“

Diese große „nationale Anstrengung“ wird von staatlicher Seite an Universitäten und Forschungsinstituten gefördert und von Pharmakonzernen gestützt. Das Ziel, Krebs zu heilen, soll eine ähnliche Mission werden wie die Mondlandung, die Amerika 1968 geschafft hat. Der große Unterschied ist sofort erkennbar: Während der Mond ein klar erkennbares Ziel bietet, das man „nur“ anvisieren und mit den richtigen Methoden treffen musste, ist das Ziel, Krebs zu heilen, wesentlich diffuser.

 

Der private Sektor arbeitet auf Hochtouren

Auf der privaten Seite des Projekts steht das parallel wirkende Projekt „Cancer MoonShot 2020“, bei dem nicht Universitäten und staatliche Forschungseinrichtungen, sondern private Unternehmen die Führung übernommen haben. Die an Cancer MoonShot 2020 beteiligten Unternehmen versuchen natürlich, von der Aufmerksamkeit zu profitieren, die sie im Moment erhalten und arbeiten mit Hochdruck an neuen Lösungen

Patrick Soon-Shiong, der Anführer der „National Immuntherapy Coalition“ und einer der Antriebskräfte der Cancer MoonShot 2020-Aktion, hält sich auch nicht mit besonders optimistischen Ankündigungen zurück: Er verkündete kürzlich auf einer Konferenz, dass die neue Idee, Krebs als eine Form von Infektionen zu betrachten, noch wesentlich mehr Vorteile mit sich bringen könnte, als erwartet. Auf Grundlage von ersten Vorzeichen (und keinen Ergebnissen) stellte Soon-Shiong theoretische Ansätze dazu vor, wie die entwickelten Krebsmedikamente wiederum gegen Infektionen eingesetzt werden könnten.

 

Staatlich geförderter Forschung unter neuer Leitung

Joe Biden, der Vizepräsident der USA, hatte sich das Moonshotprojekt schon früh zu einem persönlichen Anliegen gemacht und insbesondere immer wieder für die Finanzierung geworben. Daher war er mit Beginn des Projekts auch von Präsident Obama mit dem Projekt betraut worden. Jetzt hat Biden einen Projektleiter ernannt, der Moonshot zum Erfolg führen soll.

Er hat sich für Greg Simon entscheiden, der zuletzt das Unternehmen Poliwogg geleitet hat. Simon wurde vor fast zwei Jahren chronisch-lymphatische Leukämie diagnostiziert und hat vor sechs Monaten die erste Runde der Chemotherapie hinter sich gebracht. Neben seinen seit Kurzem persönlichen Erfahrungen hat er bereits einige Jahre in Positionen gearbeitet, die ihn für die neue Aufgabe zu prädestinieren scheinen: 1991 bis 1997 war er ein politischer Berater für Al Gore. Danach war er einige Zeit Chef einer Beratungsfirma und gründete schließlich FasterCures, ein Unternehmen, das sich auf die Förderung von medizinischer Forschung spezialisiert hatte. Zwischen 2009 und 2012 arbeitete er bei Pfizer und begann dann seine Tätigkeit bei Poliwogg, einem weiteren Unternehmen zur Förderung von Forschung in den LifeSciences.

 

Skepsis am Projekt Moonshot und dem Cancer MoonShot 2020

Natürlich ist man offiziell auf allen Seiten bei der Verkündung eines solchen Projekts begeistert, optimistisch und engagiert. Aber was für Erfolgschancen hat das Projekt wirklich? Kann ein Durchbruch der Forschung durch finanzielle Unterstützung und viel Einsatz erreicht werden oder fehlt eigentlich der zündende Funke eines Genies?

Insbesondere kann man sicher nicht argumentieren, dass Krebs bisher als Problem ignoriert wurde oder nie von Forschern und anderen Gruppen versucht worden wäre, ein Heilmittel zu finden. Es gibt immer wieder aufregende Neuigkeiten und – wissenschaftlich – interessante Ansätze, die vielleicht „bald“ helfen können. Immer wieder werden neue Methoden entdeckt und gefeiert – und immer wieder verbessern sie zwar die Lebenserwartung von Patienten in einem bestimmten Bereich um ein kleines – nicht unbedeutendes – bisschen. Aber der große Durchbruch ist noch nicht gekommen. Kann er jetzt also durch eine Mission und ein Projekt erreicht werden?

 

Und wenn sie den Mond nicht treffen…

Ein amerikanisches Sprichwort lautet „Shoot for the moon – if you miss you’ll be among the stars“ (Ziel auf den Mond – wenn du ihn verfehlst landest du zwischen den Sternen). Auch wenn in gewohnt optimistischem Tonfall und mit lauten Versprechungen in Amerika niemand diese Möglichkeit offen diskutiert, gibt es natürlich die Möglichkeit, dass das Projekt „nur“ zwischen den Sternen landet und den Mond noch nicht trifft. Die enormen Mittel, die in Forschung und Entwicklung investiert werden, machen allerdings Hoffnung auf wertvolle „zweite Plätze“.

Das große Projekt ist mit wesentlich mehr „Pomp“ gestartet, als viele andere große Aktionen. Die Publicity wäre für alle Seiten perfekt: Die amerikanische Regierung unter Obama ist unter anderem durch die Gesundheitsreform in die Kritik der Skeptiker geraten. Die Kampagne jetzt ist in diesem Kontext nicht nur eine Erinnerung an die Notwendigkeit der Finanzierung eines Gesundheitssystems – Krebs ist kein Problem, das aktive und anständige Menschen einfach so lösen können – sondern auch eine Investition ins Image, die sich jetzt schon auszahlt.

Aus der Perspektive der Entwickler und Forscher selbst ist das große Projekt natürlich eine Chance. Finden sie tatsächlich ein Heilmittel für Krebs haben sie eine Mondlandung der Pharmabranche geschafft. Finden sie keines, aber treiben die Forschung voran oder entwickeln Perspektiven in einigen Zweigen weiter, sind sie „nur“ zwischen den Sternen gelandet und hatten damit immer noch „astronomischen“ Erfolg.

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