Neues Forschungsprogramm: Kann die Apple Watch bald Vorhofflimmern erkennen?

17.11.2016 Studien
3 Minuten Lesezeit

Zu Beginn war die Apple Watch nur ein nettes Gimmick oder weiteres Spielzeug, aber es gibt immer mehr Innovationen, die das zusätzliche Gerät nützlich machen. Jetzt soll die Apple Watch Vorhofflimmern erkennen lernen.

Für ein Gerät, das sowieso konstant den Puls misst, liegt die Anwendung nahe: Wenn die Apple Watch Vorhofflimmern erkennen könnte, wäre für viele Nutzer ein Frühwarnsystem implementiert, von dem Forschung und auch Therapie-Experten früher nur träumen konnten. Die Vorteile dieser Erkennung wären nicht nur für Patienten, die schon wissen, dass sie krank sind, sondern auch für alle anderen, die einfach auf ein Problem aufmerksam werden, enorm.

Dazu muss natürlich die Genauigkeit der Erkennung auf einen guten Stand gebracht werden, denn falsch-positive und falsch-negative Ergebnisse können gleichermaßen problematisch sein. Die Entwickler von Apple haben sicher nicht ohne Grund darauf verzichtet, eine automatische Auswertung der Pulsfrequenz als App mit zu liefern.

Die Apple Watch misst bereits den Puls ihrer Träger

Neue technische Geräte kommen mit vielen Funktionen, die die meisten Nutzer beim Kauf gar nicht kennen. Die Apple Watch misst beispielsweise alle 5 Minuten automatisch den aktuellen Puls des Trägers und speichert die Daten ab. Natürlich wird die Funktion auch aktiv von einigen Apps genutzt: Beim Training kann man so beispielsweise über längere Zeit verschiedene Werte verfolgen.

Die Daten stehen allerdings zunächst nur in absoluter Rohform zur Verfügung und können vom Träger nicht einfach so ausgelesen werden. Er bräuchte entweder eine App, die die Auswertung übernimmt, oder müsste sich per Hand durch die Daten wühlen oder selbst ein Programm schreiben oder eine Tabellenkalkulation zur Auswertung aufstellen.

Cardiogramm: Ein Startup zur Apple Watch und Vorhofflimmern

Das Start-Up Cardiogramm hat 2 Millionen Dollar Startkapital von verschiedenen Investoren bekommen, um eine App zu entwickeln, die die Gesundheitsdaten auswertet und für medizinische Zwecke nutzbar macht. Dabei steht natürlich zu Beginn jedes großen, gesundheitlichen Unternehmens auch ein Satz zur Vorsicht vom CEO Ballinger:

„Natürlich sind die Daten aus so einem Sensor kein Biomarker, ein Biomarker ist keine Diagnose und eine Diagnose ist keine Therapie.“

Das erste Ziel des Start-Ups ist, dass die Apple Watch Vorhofflimmern erkennt – und zwar mit einer Genauigkeit von über 90%. Diese Zahlen müssen für den Pitch der Idee natürlich genannt werden, aber Ballinger ist sich der Risiken sicherlich mehr als bewusst. Was würde eine klare Erkennung von Gesundheitswerten über ein so alltäglich getragenes Gerät tatsächlich bedeuten?

„,Nur“ Gesundheits- und Fitnesstracker?

Das neue Start-Up zeigt unter anderem, wie umfangreich die Informationen jetzt schon sind, die die Apple Watch über ihren Träger sammelt – und das ganz ohne, dass es eine direkte Anwendung gibt. Auch wenn Smartwatches als Fitnesstracker eingesetzt werde, wird der ein oder andere Träger aufhorchen, wenn er bewusst mitbekommt, dass seine Uhr schon jetzt seine Gesundheitswerte so genau überprüft.

Cardiogramm plant, durch die App ihren Nutzern außerdem anzubieten, ihr eigenes Verhalten zu überprüfen: Welche Stress-, Gesundheits- und Schlaffaktoren beeinflussen welche „Testergebnisse“? Das kann natürlich das Bewusstsein der Nutzer für den Einfluss ihres Verhaltens auf ihre Gesundheit stärken und klingt daher nach einem sehr guten Projekt.

Das verräterische Herz: Datensammlung am ganzen Tag

Aber gleichzeitig bedeutet diese Rund-um-die-Uhr-Beobachtung auch, dass die App (oder Apple) viele andere Daten über den Träger sammelt. Die Uhr kennt dann den Tagesablauf und sie lässt sich nicht mehr wie ein einfaches Gerät verwenden, dass man ablegt oder mitnimmt, vielleicht auch verleiht – sie wird immer mehr zum Teil des jeweiligen Trägers.

Einerseits kann man da Apple nur gratulieren, denn der Konzern bringt sich wirklich an vielen Stellen in das Leben seiner Kunden ein. Andererseits bleibt abzuwarten, wie viele Träger sich wohl fühlen, wenn die Apple Watch Vorhofflimmern, aber auch vieles andere erkennen kann. Eine App, die so genau das Herz und damit auch viele Gefühle ihrer Träger beobachtet, kann einen negativen Eindruck erzeugen.

Nicht nur Stress durch ein hitziges Meeting oder Belastung durch ein anspruchsvolles Training schlagen sich im höheren Puls wieder. Die Auswertungsgraphen werden auch die traurigen Momente aufzeichnen, in denen jemand einen Schicksalsschlag erlebt oder intime Begegnungen mit einem Partner. Oder, dass der Puls steigt, wenn ein bestimmter Kollege den Raum betritt, ohne dass „Stress“ bei der Arbeit involviert wäre.

Neben den vielen nützlichen und hilfreichen Funktionen, die Cardiogramm also anbieten möchte und wird, sollte sich das Unternehmen jetzt schon mit einem guten Marketingkonzept beschäftigen, dass die Bedenken der Kunden adressieren kann.

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