Warum Google und Apple nicht die Zukunft der Healthcarebranche retten

28.10.2016 Studien
4 Minuten Lesezeit

Die Zukunft der Healthcarebranche liegt in Technologien, online und digital. Wieso haben die Big Player der Technologiebranche also immer noch nicht die Probleme von Healthcare gelöst?

Wir erwarten alle, dass die Zukunft der Healthcarebranche vor allem digital aussehen wird: Technologisch unterstützte Diagnosen, Behandlungen, Patientenbetreuung und Patientenfeedback. Und Studien und Prognosen zeigen immer wieder, dass wir alle diese Entwicklung auch bitter nötig haben werden, denn die Entwicklung der Altersstruktur in westlichen Ländern, die Lebensdauer und der gestiegene Anspruch an Lebensqualität stellen Anforderungen, die rein menschlich gar nicht lösbar sind.

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Wessen Aufgabe ist die Revolution?

Bei der Verbindung dieser zwei großen Brachen – Technology und Healthcare – stehen also zwei große Kandidaten auf dem Spielfeld, die sich anbieten würden, das Problem anzugehen. Healthcareunternehmen könnten in den Technologiesektor vordringen und versuchen, Problemlösungen auf neuen Wegen zu finden. Oder Technologieunternehmen könnten sich Healthcareproblemen annehmen, um neue Fragestellungen zu beantworten.

Die Zukunft der Healthcarebranche in die Hände von Unternehmen zu legen, die sich selbst gegen einen digitalen Wandel ihrer Marketing-Abteilungen gewehrt haben, scheint unintuitiv. Also wendet sich die Aufmerksamkeit den großen Technologieunternehmen zu – Google, Microsoft, Apple, IBM. Die haben unterschiedliche Bereiche unseres Alltags revolutioniert, also wieso nicht auch Healthcare?

Wo sind die Big Player der Technologiebranche?

Es gibt einige Unternehmen, die prädestiniert scheinen, die Branche aufzurütteln. Google beispielsweise hat seinen Weg als Verb in unsere Sprache gefunden und Apple ist (war) für wirklich innovative Ansätze bekannt. IBM ist Vorreiter, wenn es um neue technisch-technologische Entwicklungen geht und Microsoft liefert immer noch die meistgenutzte Umsetzung neuster Technologien. Was leisten diese vier Riesen also bisher für die Zukunft der Healthcarebranche?

Google

hat seine Finger durchaus in unterschiedlichen Projekten: Das Deepmind Health Projekt widmete sich ausführlich der Datenverarbeitung von Healthcaredaten aus unterschiedlichen Quellen. Novartis und Google kooperieren für Kontaktlinsen, die den Zuckerspiegel von Diabetespatienten den ganzen Tag über messen können. Außerdem arbeitet das Unternehmen zusammen mit Levis daran, die Forschung an „intelligenten Stoffen“, also Textilien, voranzutreiben. Man hat auch mal viel über Googles Arbeit an Robotern gehört und davon erwartet – hier herrscht allerdings Schweigen.

Microsoft

setzt auf Virtual Reality und will hier durch bessere Technologien bessere Ergebnisse erzielen. Medizinstudenten sollen durch hochwertige Simulationen Anatomie noch besser verstehen können und die Verknüpfung mit vielen anderen VR-Produkten aus dem Haus Microsoft liegt auf der Hand. Was genau Microsofts VR-Ambitionen dabei von denen anderer Anbieter (und sei es Playstation) unterscheidet, ist noch nicht ganz klar. Außerdem hat Microsoft mit „Microsoft Band“ eine eigene Variante der Smartwatches in Arbeit, die einen besonderen Fokus auf die Überwachung von medizinischen Daten legt.

IBM

ist wie erwähnt eher ein Kandidat für die Weiterentwicklung durch neue Technologien und die wirklich technische Seite der Innovationen. Das Unternehmen arbeitet an Computern und „künstlicher Intelligenz“, die als Unterstützung für die Diagnose in verschiedenen Bereichen aktiv sind – beispielsweise Onkologie oder Neurologie. Die Bildanalyse von Aufnahmen kann in vielen Bereichen durch Computer effizient vorbereitet werden. Außerdem kooperiert IBM mit Pfizer an Projekten zum Internet of Things.

Apple

ist auch auf diesem Portal schon häufig wegen des ResearchKits und dem CareKit erwähnt worden – beide Framworks verstehen sich gerade als Unterstützung neuer Technologien für Forschung und Patientenbetreuung. Abgesehen davon ist auch Apple im Bereich der Gesundheitsüberwachung aktiv und setzt in Smartwatch und auch iPhones auf Technologien zur Kontrolle von Gesundheitswerten.

Was Technologieriesen falsch machen

Es gibt einige Probleme in der Herangehensweise von Technologieunternehmen an die Gesundheitsbranche. Oder eher: Spezielle Verhaltensweisen, die Technologen sich bewahren, auch wenn sie ihr eigenes Feld vermeintlich verlassen. Durch diese Eigenheiten bleibt die Revolution der Gesundheitsbranche aus ihrer Richtung aber etwas stecken.

Ein Problem ist, dass Technologieexperten eben als solche denken. Sie fragen sich, was sie selbst interessiert und bauen dafür Lösungen. Erkennbar ist das an den vielen Projekten, die sich mit Datensammeln, Recherche und Selbstüberwachung beschäftigen. Angestellte in Unternehmen wie Google oder Apple, aber auch der „typische“ Silicon Valley-Unternehmer sind meist technologiebegeistert und finden die Idee toll, Herzschlag, Pulsfrequenz und Co. statistisch auswerten zu können. Die Deutung dieser Werte und Daten erscheint aus ihrer Perspektive einfach. Wearables sind schick und spannend – weiter geht der Gedanke oft nicht.

Ein zweites Problem knüpft daran an. Denn oft fehlt Technologieunternehmen, die auf aktuelle Innovation setzen, die nötige Sensibilität für den Healthcaremarkt. Eine Statistik über den eigenen Herzschlag ist bis zu einem gewissen Punkt einfach nur ein „netter Trick“. Die Anwender, die nicht nur aus Neugier ihren Herzschlag überwachen wollen, sondern aus Notwendigkeit, haben eine andere Perspektive auf Unregelmäßigkeiten.

Wieso Ansätze untergehen

Andere Unternehmen versuchen, die Zukunft der Healthcarebranche aus ihrer Perspektive anzugehen und ihr zu begegnen. Mercedes beispielsweise spielt mit verschiedenen Möglichkeiten, auch Gesundheitsanalysesysteme in technologisch hochwertig ausgestattete Autos zu integrieren. Der Wagen erkennt dann, wenn der Fahrer zu müde wird, selbst zu fahren – oder aufgeregt ist, einen niedrigen Blutzuckerspiegel hat oder sogar einen Herzinfarkt.

Hier „fehlt“ die Verbindung zu anderen Bereichen und vor allem die Integration von „Healthcarementalität“ in Healthcarebereiche. Mercedes wird vermutlich nicht weit kommen, wenn die Marketingaussage darauf beschränkt bleibt, dass der Wagen medizinische Notfälle erkennt. Entscheidender ist, welche Reaktion daraufhin eingeleitet wird. Fährt der Wagen mit einem Insassen mit niedrigem Blutzuckerspiegel automatisch den nächsten Imbiss an? Oder werden die Daten gespeichert und dem behandelnden Arzt weitergereicht? Oder einer Versicherung?

Technologie für die Zukunft der Healthcarebranche

Kommen wir also zurück zu den zwei Kandidaten, die eine technologisch geprägte Healthcare-Industrie angehen könnten. Die Technologiebranche ist nicht der Retter, der als nächste Herausforderung die Probleme von Healthcare löst. Die Healthcarebranche muss sich wandeln und Technologien stärker integrieren. So, wie man heute selbstverständlich mit der Industrie zusammenarbeite, um Geräte zu entwickeln, oder mit Logistikdienstleistern, muss in Zukunft auch die Zusammenarbeit mit der Technologiebranche funktionieren.

Dazu müssen Teile der Healthcarebranche Experten im Bereich Technologie werden und Adapterfunktionen einnehmen. Sie können dann zwischen Healthcare und Technologie vermitteln: Anforderungen verstehen und formulieren, Lösungen präsentieren und kommunizieren. Diese „Schnittstellenmenschen“ können natürlich auch aus der Technologie auf Healthcare zugehen. Beide Seiten müssen aber begreifen, dass sie im neuen Partner eine ganze Industrie verstehen lernen müssen. Und dass die Probleme, die sie jetzt lösen werden, healthcare-orientiertes Denken brauchen.
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