„Wenn Sie das waren, dann lassen Sie Ihre Lungen untersuchen!“

23.01.2022 Kampagnen
2 Minuten Lesezeit

Ein Werbespot von Roche-Tochter Genentech und US-Krebsgesellschaft pushen Lungenkrebs-Vorsorgeuntersuchungen – ohne Mahnung und ohne Verurteilung der Raucher.

Copyright © 2022 Genentech

Es war die Zeit der Schlaghosen, Plateau-Absätze und der Fransenwesten. Aber auch der allgegenwärtigen Zigaretten und Aschenbecher. In einem Werbespot, der derzeit in den USA läuft, erinnern die amerikanische Roche-Tochter Genentech an die 70er-Jahre. Unbeschwerte Szenen mit Menschen, die in der Disco tanzen, Auto fahren, kochen und mit der Familie vor dem Fernseher sitzen – und dabei immer rauchen.

„Wenn Sie das damals waren“, werden Zuschauer darin gewarnt, „lassen Sie sich und Ihre Lungen jetzt untersuchen!“ Keine Wertung, keine Schockbilder, keine erhobenen Zeigefinger. Der Spot endet mit einer älteren Dame, die man dabei sieht, wie sie eine CT-Untersuchung erhält.

Kein Urteil über die frühere Lebensgeschichte.

„Wir wollen Menschen einfach ermutigen, sich im fortgeschrittenen Alter einer Routine-Untersuchung zu stellen“, so Angie Wilson, bei Genentech Leiterin der Abteilung für Patientenbeziehungen, „und wir wollen das tun, ohne ein Urteil abzugeben über eine frühere Lebensgeschichte.“ Man wisse eben, dass das Rauchen damals einfach zum Alltag gehörte.

Mit der Kampagne wolle man bewusst auf das „allgegenwärtige gesellschaftliche Stigma“, wie Wilson es nennt, verzichten. Wichtiger sei es eben, Menschen zu einer Untersuchung zu motivieren, als einmal mehr das Rauchen zu brandmarken: „Die Spots wollen Lungenkrebs entstigmatisieren, indem sie das Rauchen als Teil der amerikanischen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt anerkennen.“

Gemeinsam mit der Amerikanischen Krebsgesellschaft, der Amerikanischen Lungenvereinigung und anderen Interessenvertretungen finden sich die Pharmazeuten aus San Francisco seit vergangenem Jahr zur umfassenden Sensibilisierungskampagne „Screen Your Lungs“ zusammen, in deren Zusammenhang jetzt dieser Spot produziert wurde.

Hoher Aufklärungsbedarf.

Und Aufklärungsbedarf gäbe es durchaus: Zwar nicht über die Folgen des Rauchens – die dürften hinlänglich bekannt sein – aber über die Notwendigkeit von Untersuchungen. Denn eine jüngere Umfrage zeigte, dass nur 36 % von 2.000 Befragten der Ansicht waren, dass regelmäßige Krebsvorsorgeuntersuchungen für ihr allgemeines Wohlergehen essenziell seien. Dazu komme noch, dass viele Menschen wegen der Pandemie ihre geplanten Vorsorgeuntersuchungen aufgeschoben hätten. Schwarzen und Lateinamerikanern, die aus verschiedensten, vor allem finanziellen Gründen seltener zu derartigen Checks gingen, wolle man in Zukunft gezielter entgegenkommen, so die Verantwortlichen der Kampagne.

Roches kalifornisches Onkologie-Standbein Genentech vermarktet das Lungenkrebs-Immuntherapeutikum Tecentriq und beschert der Schweizer Konzern-Mutter damit mehrere hundert Millionen Dollar Umsatz pro Jahr. Hauptkonkurrent auf dem nordamerikanischen Markt ist Merck mit Keytruda. Beide Bewerber kämpfen in einem umsatzstarken Markt, da Lungenkrebs bei weitem die häufigste Krebstodesursache der USA darstellt. Pro Jahr geht man von einer Viertelmillion Patienten aus. Langzeitrauchen ist für viele dieser Fälle unbestrittenermaßen die Hauptursache.

Tecentriq wird in dem neuen Spot zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber das vor sechs Jahren in den USA zugelassene Medikament erhielt im Oktober 2021 eine bahnbrechende FDA-Zulassung als adjuvante Therapie für nicht-kleinzelligen Lungenkrebs. Damit ist das die erste Immuntherapie-Möglichkeit für Patienten mit NSCLC im Frühstadium gleich nach der Tumoroperation.

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